Archivierte Meldungen

Die Zukunft des menschlichen Gehirns

Ein neuer Sammelband befasst sich mit ethischen und anthropologischen Fragen der modernen Neurowissenschaften

 

Das spannungsreiche Verhältnis zwischen naturalistischen und religiösen Deutungsversuchen  des menschlichen Lebens findet in jüngster Zeit große mediale Aufmerksamkeit. Neben dem Streit zwischen Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie werden vor allem die theologischen und ethischen Implikationen der Neurowissenschaften diskutiert. An zahlreichen Beispielen lässt sich beobachten, wie die Ergebnisse der modernen Hirnforschung nicht nur Medizin und Psychologie verändern, sondern auch ganz alltägliche Lebensbereiche – wie das Bildungs- oder das Rechtssystem, ja sogar die Religion – beeinflussen. Daraus ergeben sich neuartige Herausforderungen für unser individuelles und kulturelles Selbstverständnis; denn der aktuelle Wissensstand über die neuronalen Grundlagen menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns stellt nicht nur unser theoretisches Selbstbild als freie und verantwortliche Wesen in Frage, sondern ist darüber hinaus geeignet, unser alltägliches Leben auch ganz praktisch zu beeinflussen.

 

So steht zum Beispiel künstliche Intelligenz heute nicht mehr allein außerhalb des menschlichen Körpers zur Verfügung, sondern kann in Gestalt elektronischer Neuroprothesen zu einem Teil von ihm werden. Noch ist unklar, welche Auswirkungen es auf die menschliche Identität hat, wenn ausgefallene Körperteile oder gestörte Hirnareale durch elektronische Prothesen ersetzt werden. Dürfen mögliche Persönlichkeitsveränderungen in Kauf genommen werden, wenn gleichzeitig belastende Krankheitssymptome gemildert oder alltägliche Lebensvollzüge erleichtert werden? Über die Trägerinnen und Träger von Innenohrimplantaten z. B. weiß man, dass sie sich oft keineswegs problemlos in der Welt hörender Menschen zurechtfinden, sondern vielmehr in ihrer Identität hin- und hergerissen sind.

 

Ein neuer Sammelband aus dem Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen verschafft einen vielfältigen Einblick in die anthropologischen, ethischen und gesellschaftlichen Debatten, die sich hieraus ergeben. Er fragt danach, welche Folgen es für unser Menschenbild hat, wenn ein neurophysiologischer Reduktionismus die personale Identität zum kontingenten Produkt mechanistisch interpretierter und technisch manipulierbarer Hirnprozesse degradiert und dabei die leibliche, geschichtliche und soziale Dimension menschlicher Existenz vernachlässigt.

 

Lars Klinnert / Peter Markus (Hg.): Die Zukunft des menschlichen Gehirns. Ethische und anthropologische Herausforderungen der modernen Neurowissenschaften, Schwerte 2011, broschiert, 301 Seiten, 15,00 Euro, ISBN 978-3-939115-23-6.

 

 

Archiviert am 13. Juni 2018.

Moderne Hirnforschung und christliches Menschenbild

Ein Tagungsband fasst die Ergebnisse des ersten "Villigster Kongresses" zusammen


Der Begriff "Enhancement" bezeichnet die Anwendung medizinischer und technischer Möglichkeiten zur Verbesserung natürlicher Eigenschaften über das "normale" bzw. "nicht krankhaft veränderte" Maß hinaus. Im Zentrum dieser aktuellen Debatte stehen Zukunftsszenarien, in denen Beschränkungen des menschlichen Gehirns, zum Beispiel durch neurobionische Implantate, durch Tiefenhirnstimulation oder durch psychopharmakologische Intervention überwunden werden, um emotionale Befindlichkeit oder kognitive Leistungsfähigkeit zu verbessern.

 

Der vorliegende Band diskutiert biomedizinisches und neurotechnologisches Enhancement aus medizinischer, theologischer und soziologischer Perspektive. Er stellt bereits praktizierte Eingriffsmöglichkeiten vor, die einerseits vielversprechend für die Behandlung schwieriger Krankheiten erscheinen, andererseits aber auch neue Herausforderungen für unser Menschenbild mit sich bringen.  

 

Alle Beiträge gehen zurück auf den Villigster Kongress "Der machbare Mensch", der vom 30. April bis zum 2. Mai 2009 in Haus Villigst stattfand. Erstmals wurde eine solche Tagung gemeinsam vom Institut für Kirche und Gesellschaft und vom Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen sowie vom Evangelischen Studienwerk e. V. Villigst veranstaltet.  

 

Peter Böhlemann / Almuth Hattenbach / Lars Klinnert / Peter Markus (Hg.):  Der machbare Mensch. Moderne Hirnforschung, biomedizinisches Enhancement und christliches Menschenbild (Villigst Profile 13), Münster 2011, broschiert, 137 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-643-10426-7.

 

 

Archiviert am 4. Dezember 2011.

Menschenwürdige Biomedizin?

Ein neues Buch analysiert das kirchliche und gesellschaftliche Ringen um angemessene Regelungen für neuartige Behandlungsmethoden wie genetische Diagnostik und therapeutisches Klonen

 

Neuartige Behandlungsmethoden wie die genetische Diagnostik oder das therapeutische Klonen sind ethisch umstritten. Daher erscheint es dringend erforderlich, fundamentale Richtlinien zum Schutz der Menschenwürde ausdrück­lich auch für den Bereich biomedizinischer Forschung und Anwendung zu formulieren. Dies kann erfolgreich nur in Gestalt staatenübergreifender Vereinbarungen geschehen, da ausschließlich nationale Regulierungen im Zuge der Glo­ba­lisie­rung mühelos umgangen wer­den könnten.

 

Die sog. Bioethik-Konvention, die seit 1997 in zahlreichen europäischen Länden gilt, legt international gültige Rechtsnormen für einen verantwortlichen Umgang mit der modernen Biomedizin fest. Die Bundesre­­­publik Deutsch­­­land gehört bislang allerdings nicht zu den Unterzeichnerstaaten. Der Grund: Hierzulande wird seit vielen Jahren über die ethische Legitimität dieses völkerrechtlichen Übereinkommens aufs heftigste gestritten. Im Zentrum der öffentlichen Auseinandersetzung steht die Frage, ob die getroffenen Regelungen die menschliche Würde tatsächlich schützen oder diese nicht vielmehr aus Rücksicht auf wissenschaftliche und ökonomische Interessen einschränken und gefährden.

 

Der neu erschienene Band "Der Streit um die europäische Bioethik-Konvention. Zur kirchlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung um eine menschenwürdige Biomedizin" dokumentiert zum ersten Mal umfassend die zahlreichen Diskussionsbeiträge aus Kirche und Gesellschaft von 1994 bis heute und analysiert, anhand welcher ethischen Kriterien sie zu ihren divergierenden Beurteilungen gelangen. Die Untersuchung zeigt neue Verständigungsmöglichkeiten auf, indem sie eine praktikable Interpretation des Menschenwürdebegriffs skizziert, welche den faktischen Pluralismus moralischer Überzeugungen auszuhalten vermag.

 

Lars Klinnert: Der Streit um die europäische Bioethik-Konvention. Zur kirchlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung um eine menschenwürdige Biomedizin (Edition Ethik 4), Göttingen 2009, gebunden, 651 Seiten, 84,00 Euro, ISBN 978-3-7675-7098-6.

 

 

Archiviert am 14. September 2010.